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Liebe Gemeindeglieder!


Liebe Gemeindeglieder!
Mal ehrlich: Am Anfang des Jahres fühlte ich mich wie aus dem Nest geworfen. Zu früh, unvorbereitet, draußen wurde es noch immer vor dem Abend dunkel, keine Blume wagte sich ans Licht, nur ich sollte voller Tatendrang ein neues Jahr beginnen, die Weihnachtspfunde loswerden (weil man das angeblich so macht), viele Predigten schreiben, für den nächsten Halbmarathon trainieren (weil das jetzt alle tun), tanzen, zeichnen oder die Wände neu streichen, während die Räume merkwürdig kahl aussehen, so ohne Lichterketten und Kerzenschein.
Der Weihnachtsbaum liegt im Rinnstein, keine Sentimentalitäten. Das Leben geht weiter, fast forward. Dabei fühle ich mich im Winterschlafmodus, die Welt kann gern im März wieder anklopfen. Bis dahin würde ich gern einschneien, nicht so dramatisch, wie im Süden, gerade nur so viel, dass alles still und gedämpft ist und angenehm hell. Die Wintertage machen keinen Lärm. Von Natur aus nicht. Sie schweigen vielversprechend. Allerdings im März beginnt die Fastenzeit und schon wieder erdrücken mich die guten Vorsätze. Kein Fleisch, nix Süßes.
Mal ehrlich: Eigentlich habe ich keine Lust auf irgendwas zu verzichten. Wirklich verzichten muss man aber auch gar nicht bei der Fastenaktion der evangelischen Kirche – außer auf Lügen vielleicht. „Mal ehrlich!„ ist das Motto und das finde ich in Zeiten von Fake News, Falschmeldungen und handfesten Lügen sogar ziemlich angebracht. Im Alltag wird das aber wahrscheinlich gar nicht so einfach werden, oder sind Notlügen vielleicht doch erlaubt? Allerdings wo fangen die an und wo hören sie auf? Ist ein: „Das Kleid ist nett„ auf die Frage einer Freundin schon verboten oder noch erlaubt, wenn ich es eigentlich hässlich finde?
Mal ehrlich: Ich glaube, dass muss jeder für sich entscheiden. Es kann eine gute Erfahrung sein, auch im Kleinen für die Wahrheit einzutreten. Einsetzen möchte ich mich in der Fastenzeit aber vor allem im Kampf
gegen die ganzen anderen Lügen. An der Schule, wo eine Schülerin im Internet verleumdet wird. Oder auch in meinem alltäglichen Umfeld, wenn gelästert wird, ohne dass jemand die Wahrheit wirklich kennt. Ich glaube dafür lohnt es sich sogar, aus dem Winterschlaf aufzuwachen und mit zu fasten. Und mal ehrlich: Viel ist da ja gar nicht verlangt.
Es grüßt sie herzlichst! Ihre Pfarrerin Lisa Heußner!