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Liebe Gemeinde,



„Wer liebt, schläft nicht“, ist der zentrale Satz im Buch „Schlafes Bruder“ von Robert Schneider. Johannes Elias Alder, ein junger Mann aus einem Dorf im Graubünden des späten 19. Jahrhunderts, verliebt sich unsterblich in Elsbeth, die allerdings verheiratet ist und Elias nur als Freund sieht. Er nimmt den Satz eines Wanderpredigers wörtlich, der sagt, ein wahrhaft Liebender schlafe niemals. Deshalb hält er sich mit Tollkirschen und anderem so lange wach, bis er stirbt. Der Tod ist des „Schlafes Bruder“, so dass Elias hier seine wahre Liebe zeigt.

Was der Wanderprediger in dem Roman wohl eher meint, ist die Nächstenliebe und die Untätigkeit, die mit dem Schlaf verbunden ist. Als Jesus vom Ende der Welt redet, ermahnt er seine Jünger „Wachet!“ (Markus 1337, Monatsspruch für März). Wer die Augen vor der Wirklichkeit verschließt und Hände und Füße stillhält, nimmt Gottes Auftrag nicht ernst, die Erde zu bebauen und zu bewahren. Und wer sich um seine Mitmenschen nicht schert, liebt sie nicht. „Wachet!“ fordert Jesus deswegen – nicht zuletzt, damit wir uns auf seine Wiederkunft vorbereiten, mit der Gottes Reich anbricht.

Gespannt sehe ich auf 2020. Das letzte Jahr hat manches Mal erschreckend gezeigt, wie die Demokratie mit Füßen getreten wird, wie Egoismus und Rassismus um sich greifen und wie wenig gegen den Klimawandel unternommen werden soll. Das wird, fürchte ich, in diesem Jahr nicht besser werden.

Christen dürfen bei solchen Entwicklungen, behaupte ich, nicht tatenlos zusehen. „Wachet!“ sagt Jesus: weder die Augen verschließen, noch untätig sein. Die Frage, wie politisch Kirche sein soll, stellt sich nicht mehr, wo christliche Ethik und Werte verlacht werden. Die Liebe – zu unseren Nächsten, zu nachfolgenden Generationen und zur Schöpfung – ist Maßstab für alles, was uns als Kirche ausmacht. Und alle Beschwichtigungen, wir sollten uns da raushalten, verkennen den klaren Auftrag, diese Liebe in die Welt zu tragen.

„Wer liebt, schläft nicht!“ Vielleicht ist das unser Auftrag für 2020 und darüber hinaus. Und wer ihn nicht missversteht wie Johannes Elias Alder, ist auf dem besten Weg, das Leben zu fördern und für alle lebenswerter zu machen.

Ihr

Daniel Lischewski, Pfr.